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Immer gut für wilde Prognosen?
Dr. Ulrich Kampffmeyer über den DMS-Markt und seine Rolle in der Verbandswelt
Als Branchen-Papst, wie er von manchen genannt wird, sieht er sich nicht. Zu dogmatisch heißt es dann abwinkend. Eher schon passt er in die Rolle des Orakels von Delphi, prognostiziert der Branche stürmisches Wachstum und stellt dieses dann in Bezug auf die Wachstumszahlen wieder in Frage. Er war Initiator des deutschen Fachverbandes VOI, den er dann aber verließ, um sich dem internationalen AIIM zuzuwenden. Dennoch spielen nicht etwa amerikanische oder andere ausländische Hersteller von DRT-Systemen (Document Related Technologies) – auch eine Wortschöpfung von ihm – für ihn die erste Geige, sondern die deutschen Anbieter. BIT sprach mit Dr. Ulrich Kampffmeyer über Ansichten und Einsichten im DMS-Markt.
(BIT: Jacques Ziegler, BIT; Kff: Dr. Ulrich Kampffmeyer)
BIT:
Herr Dr. Kampffmeyer, man hält Ihnen gelegentlich vor, mit wilden Prognosen die Branche zu provozieren.
Kff:
Schönfärberei hilft weder Anbietern noch Anwendern. Ich liebe es offen und ehrlich, und dies spiegelt sich auch in meinen Vorträgen und Artikeln wider. Der Markt hat sich in den letzten zwei Jahren dramatisch verändert und wer dies heute noch leugnet, wird mit seinem Produkt bald von der Bildfläche verschwunden sein.
BIT:
Anfang der 90er Jahre sagten Sie dieser Branche ein stürmisches Wachstum voraus.
Kff:
Damals waren außer Filenet, Kodak, IBM, SER und ACS noch nicht viele Anbieter in Deutschland in Sicht und Dokumentenmanagement, Archivierung und Workflow hatten einen hohen Aktualitätswert. Heute sind es über 70 echte Produktanbieter und mehrere hundert OEM`s, VAR`s, Distributoren, Integratoren und Systemhäuser. Die Entwicklung verlief nicht kontinuierlich und ...
BIT:
... das Wachstum stellten Sie kurze Zeit später in Bezug auf die Wachstumszahlen wieder in Frage ...
Kff:
Da haben Sie Recht, aber Wachstum und Wachtumszahlen sind zweierlei Dinge, die Zahlenwürfelei habe ich immer Coopers, Gartner, BIS und den anderen Auguren überlassen. Anfang der 90er gab es noch massive Probleme mit der rechtlichen Anerkennung der elektronischen Archivierung. Dann kam der Internet-Boom, der die zahlungskräftigen Anwender vom Investment in Dokumentenmanagement ablenkte und nicht zuletzt hat der Jahr-2000-Hype die Ausbreitung dieser Technologie massiv behindert. Ich war mit meinen Einschätzungen vielleicht hie-und-da etwas zu früh dran - aber lieber mutig sein als Mitläufer!
BIT:
In Zusammenhang mit der Lösung der Probleme der rechtlichen Anerkennung haben Sie seinerzeit den VOI ins Leben gerufen, dann aber kürzlich den Verband verlassen.
Kff:
Ein wichtiger Anlaß für die Gründung des VOI war in der Tat die Überwindung der Rechtsunsicherheiten bei der elektronischen Archivierung. Zur CeBIT 1991 hatte ich versucht die Anbieter von digitalen optischen Speichern mit der Softwarebranche und den Systemintegratoren zusammenzubringen und alle damals namhaften Unternehmen eingeladen. In der Gründungsveranstaltung hatten wir auch weit über 100 Teilnehmer. Als es dann aber an die konkrete Arbeit ging, waren wir nur zu siebt – damit konnten wir knapp den Verein gründen und hatten ein erstes Jahresbudget von unter 10.000 Mark. Die Rechtsinitiative zur Anerkennung der digitalen revisionssicheren Archivierung wurde praktisch mit Eigenmitteln der damaligen zwei oder drei aktiven Hamburger Mitglieder betrieben. Wir haben die Broschüren selbst getippt, gedruckt, an Behörden, Abgeordnete, Verbände hunderte von Briefen geschrieben, die Codes of Practice erarbeitet, Vorträge gehalten, Workshops durchgeführt und Artikel verfaßt. Letztlich hatten wir damit Erfolg, wie das neue Zertifizierungsverfahren des VOI mit dem TüVIT und die inzwischen weite Verbreitung der elektronischen Archivierung heute zeigen.
BIT:
Trotz dieser Aufbauarbeit haben Sie 1998 nicht nur den Vorsitz niedergelegt sondern auch kurz darauf die Mitgliedschaft dem VOI aufgekündigt.
Kff:
Wissen Sie, ich hätte noch meine weiteren zwei Jahre als gewählter Vorsitzender bleiben können, aber sieben Jahre als Vorstandsvorsitzender waren genug. Besonders das Engagement der letzten Jahre mit der Rechtsinitiative hatte sich negativ für mein Unternehmen bemerkbar gemacht, jede Woche ein, zwei Arbeitstage von mir für die Verbandsarbeit, ungezählte Wochenenden, dazu die Belastung meines Sekretariats, unserer Redaktion und unserer Berater. Allein 1997 habe ich 14 Vorträge zur rechtlichen Anerkennung der elektronischen Archivierung gehalten, ohne Honorar, auf eigene Kosten, unter dem Titel VOI, und nicht als PROJECT CONSULT. Der Effekt war lediglich, daß sich die Mitglieder beschwerten, daß ich mich nur profilieren will. Es wurde bemängelt, daß Artikel und Interviews immer nur mit meinem Namen erschienen – der VOI hatte damals keinen Werbe- oder Presseetat, die Artikel und Advertorials wurden von PROJECT CONSULT erstellt und plaziert. Alles lief ehrenamtlich, ohne Personal, ohne viel Geld. Niemand von den namhaften Anbietern war bereit, Ressourcen oder Bares für den Verband bereitzustellen, alle wollten immer nur Dienstleistung ohne eigenes Engagement. Und als dann noch Leute im Verband begannen, meine Arbeit unter eigenem Namen und zum wirtschaftlichen Nachteil meines Unternehmens zu verwerten, als man sogar meine Autorenschaft am Code of Practice infragestellte - da war einfach Schluß für mich.
BIT:
Sie haben aber die Verbandstätigkeit nicht ganz aufgegeben. Heute sind Sie in der AIIM Europe aktiv, dem europäischen Ableger des weltweiten Dachverbandes der e-Business-Branche.
Kff:
Ich war bereits Jahre vor dem Engagement in der AIIM im internationalen Dachverband IMC tätig, der vor zwei Jahren mit der AIIM verschmolzen wurde, und habe bereits dort versucht, die Interessen der deutschen Anbieter zu vertreten. Einer der Gründe, mich verstärkt international zu engagieren, war die Veränderung der Märkte, die Europäisierung, die Globalisierung. Viele Probleme können nicht mehr auf nationaler Ebene gelöst werden - dies gilt auch für die elektronische Archivierung, den Dokumentenaustausch, die digitale Signatur. Ich hatte dabei lange Jahre die Vision einer Organisationsform, bei der ein internationaler Verband wie die AIIM das Dach für die nationalen Organisationen bildet. Hierdurch können einmal die regionalen Märkte direkter durch den Verband vor Ort, die internationale Szene einschließlich der Öffnung neuer Märkte, der Rechtsproblematik und der Standardisierung vom Dachverband aus betrieben werden. In einigen europäischen Ländern hat dies geklappt, in Deutschland leider nicht.
BIT:
Auf der anderen Seite haben Sie aber besonders deutschen Dokumentenmanagement-Anbietern einen bemerkenswerten Aufstieg bescheinigt. War der Erfolg nur ein Effekt des Neuen Marktes ?
Kff:
Der neue Markt war sicherlich der wichtigste Motor für das Wachstum einiger Unternehmen, er finanzierte die Aufkäufe neuer Technologien, von Produkten, Firmen und Personal. Die Steigerung der Innovationsgeschwindigkeit hätte kaum aus eigener Kraft geschehen können. Man darf aber auch nicht die herausragenden Persönlichkeiten vergessen, die diese Unternehmen vorangepuscht haben – ein gutes Beispiel ist Gerd Reinhardt. Kleine mittelständische Unternehmen sind heute Weltfirmen, aus eigener Kraft wie SER, Ceyoniq oder Ixos, oder aber in dem sie selbst von hungrigen Börsengängern aufgekauft wurden, wie z.B. die ACS durch die GFT. Es ist aber nicht der Neue Markt allein. Die deutschen Anbieter sind in Punkto elektronische Archivierung einfach besser als der Rest der Welt. Unsere Mentalität, unsere überkorrekte Auffassung von Ordnung, die Wichtigkeit, die Dokumenten und der Archivierung zugemessen wird - als dies hat letztlich zu einer besonders hohen Qualität der Lösungen aus Deutschland beigetragen.
BIT:
Werden denn all diese Unternehmen überleben ? Wie ist Ihre persönliche Einschätzung dazu?
Kff:
Ein sehr gefährliches Thema, Sie verführen mich zu „wilden Prognosen“. SER und Ceyoniq werden es wohl in jedem Fall schaffen, Easy, Ixos, COI, GFT, Gauss, und Saperion wahrscheinlich. Darunter wird’s schon enger, aber Chancen hätten vielleicht noch Docuware, FabaSoft, A.I.S., DocMan, IQDoQ und ein paar andere – jedoch nicht allein, nur in Kooperationen oder wenn sie sich aufkaufen lassen. Es gibt dann außerdem noch eine Reihe von anderen internationalen Firmen, die in jedem Fall uns erhalten bleiben wie FileNET, Documentum, Tower und natürlich IBM. Auch die deutschen DMS-Anbieter hätten oder haben vielleicht noch eine Chance genügend schnell genügend groß zu werden - Sie entsinnen sich vielleicht noch an meine Vision von der „DMS-Deutschland-AG“, dem Zusammenschluß der drei, vier führenden Anbieter mit Reduktion auf nur eine Produktfamilie und ein einheitlichen globales Vertriebskonzept?! Viele werden aber so nur als Systemintegratoren oder Spezialisten für Branchenlösungen überleben können.
BIT:
Wie werden Microsoft, Lotus, Oracle und all die anderen wichtigen Softwareanbieter den Markt verändern ?
Kff:
Von einer geschlossenen Dokumentenmanagement-Branche zu sprechen, ist kaum noch möglich. Wir sprechen daher nur noch von Dokumenten-Technologien, von DRT, Document Related Technologies. Und diese Dokumenten-Technologien sind Infrastruktur, sie sind Basistechnologie, sie gehören einfach in jedes Programm, das etwas zu speichern, wiederzufinden und zu verteilen hat. Damit ist ganz klar, daß Dokumenten-Technologien von allen großen Softwareanbietern aufgesogen werden. Microsoft kommt nun mit dem Sharepoint Portal Server, besser bekannt als Tahoe. Microsoft zielt damit über Dokumentenmanagement hinaus auf das Content Management, webbasierte Technologien sind hier die Zukunft. Lotus ist schon lange mit Domino in dieses Marktsegment eingedrungen, bietet inzwischen auch Records Management und Workflow an. Der neue Discovery Service bietet einen echten Einstieg in das Knowledge Management. Aber nicht nur Lotus und Microsoft werden sich um diesen Markt streiten, auch Oracle als Datenbank- und Plattform-Anbieter für Weblösungen ist längst da. Im Webumfeld wurden all die Errungenschaften, die die DMS-Branche sich in den 80er und 90er Jahren mühsam erarbeitet hat, längst mit moderneren Mitteln nachprogrammiert. Traditionsanbieter wie Documentum, FileNet und andere haben mit Mühe noch den fahrenden Zug erwischt, die meisten der traditionellen Anbieter werden nur noch die Schlußlichter in der Ferne verblassen sehen.
BIT:
Wie ist SAP hier zu bewerten?
Kff:
Wir sollten auch SAP und andere ERP-Anbieter nicht vergessen. Wozu braucht der Anwender noch eine Extra-Dokumentenmanagement-Software mit eigenem Clienten, wenn die Funktionalität voll integriert mit der Fachanwendung mitgeliefert wird.
BIT:
Bedrohung für traditionelle DMS-Anbieter also von allen Seiten?
Kff:
Microsoft bedrängt von unten mit der Integration von Tahoe, SQL-Server, Exchange und den neuen Office-Anwendungen. Lotus und Microsoft nutzen beide ihre Groupwareplattform als Basis, sie bedienen bereits Millionen von Anwendern, nicht nur einige Zigtausend, wie die Anbieter der herkömmlichen DMS-Branche. Die Datenbankanbieter machen zunehmend die alte „Index-Datenbank-seperates-Repository-Architektur“ von Archiv- und Dokumentenmanagement-Lösungen obsolet. Web Content Management erfindet Dokumentenmanagement neu und dann haben wir auch noch ASP, warum selbst etwas installieren, wenn ich es doch einfach mieten kann.
BIT:
Das klingt ja nicht sehr positiv für die Branche ...
Kff:
Ja, wir haben noch zuviele Anbieter, zuviele Produkte. Andererseits haben wir zuwenig qualifiziertes Personal. Gerade die allgemeine Verfügbarkeit von Dokumenten-Technologien erhöht die Projektrisiken. Die Software kommt „out-of-the-box“ und keiner kümmert sich um eine vernünftige organisatorische Einbindung.

BIT:
Damit geben Sie dem Beratungsgeschäft mehr Chancen als den Produktanbietern ?
Kff:
Dem Beratungs- und dem Integrationsgeschäft – ja. Durch den Eintritt der großen Anbieter wird es eher mehr Arbeit als weniger. Mußte man früher sich Gedanken machen, welche Produkte man einsetzen könne, so muß man sich in Zukunft Gedanken machen, welche mitgelieferten, funktional redundanten Programme man nicht einsetzen will. Der sich abzeichnende Krieg auf den Ebenen Betriebssystem, Web-Middleware, Groupware, ERP, Publishing, Spezialanwendungen und Datenbanken um die Vorherrschaft bei den Dokumenten-Technologien wird sehr interessant werden.
BIT:
Vielen Dank, Herr Dr. Kampffmeyer.

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Seitentitel: Interview_BIT/3_2001, Zitierung: http://www.PROJECT-CONSULT.com/home.asp?SR=297
Zuletzt aktualisiert am: 4.12.2001
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